|
Karlburg ist siedlungsgeografisch sehr günstig innerhalb eines Talkessels am Verkehrsweg Main inmitten einer äußerst fruchtbaren Altsiedellandschaft rund einen Tagemarsch nördlich von Würzburg gelegen. Über den Main ist im Westen das Untermaingebiet und das Rheinland sowie im Osten die Obermainregion mit Zugängen nach Böhmen und über die Fossa Carolina (den karolingischen Vorläufer des Rhein-Main-Donau-Kanals) die Donau erreichbar. Fernwege in Nord-Süd-Richtung verbinden Karlburg mit Mittel- sowie Süddeutschland. Zur Siedlungseinheit des frühmittelalterlichen Zentralortes Karlburg (Abb. 1) gehören zunächst die beiden Höhenburgen und die großflächige Talsiedlung, in der wiederum ein Marienkloster, eine Taufkirche (St. Johannes, St. Gertrud), ein Königshof und im hohen Mittelalter eine Turmburg belegt sind; ferner war der Ortskern befestigt. Anhand siedlungsgeografischer Überlegungen ist zudem ein ausgedehnter Hafen zu vermuten (Abb. 4). Die sprunghafte Vergrößerung des Siedlungsareals ab dem 7. Jh. auf mindestens 1 km Länge und 200 m Breite (Abb. 3) belegt einen planmäßigen Ausbau wohl seitens der merowingischen Könige auch mittels (rhein?)fränkischer Kolonisten. Auch die komplexen inneren Struktur der Siedlung hat nicht viel mit den üblichen ländlichen Niederlassung des Frühmittelalters gemein, sondern weist Karlburg in der Zusammenschau mit den anderen Strukturelementen als frühstädtisches Zentrum aus. Weiterhin belegen qualitätvolle Funde (Abb. 5) Spezialhandwerk und Fernhandel und machen die auch historisch überlieferte Anwesenheit hoher geistlicher und weltlicher Würdenträger greifbar. Spätestens als die Karolinger 751 die Merowinger als Königsgeschlecht ablösten wurde wohl auch der jetzige Ortsname gebräuchlich. Im Spätmittelalter ist dann die Sage überliefert wonach Karl Martell, der Großvater Karls des Großen, im Nachbarort Mühlbach geboren worden sei. Der Landesausbau wird zudem durch zahlreiche Siedlungsgründungen rund um Karlburg verdeutlicht und wurde unter den karolingischen Hausmeiern fortgeführt. Gerade im näheren Umfeld sind frühmittelalterliche Orte, teils mit spezialisierten Aufgaben (z.B. Mühlen in Mühlbach, Flussübergang in Gainfurt, Handwerkersiedlung am „Sändlein“), nachweisbar (Abb. 1). Die historisch-archäologischen Quellen lassen erkennen, dass nach der Konsolidierung der fränkisch-merowingischen Königsmacht im damaligen Ostfranken Karlburg als ausgedehntes Königsgut bestand. Insbesondere in der Karolingerzeit war der Siedlungskomplex Karlburg ein Zentralort ersten Ranges und Stützpunkt des Hochadels. Er war untrennbar mit der Frühgeschichte Würzburgs verbunden und hatte bedeutenden Anteil an der Entwicklung des Bistums. Eine Minderung der Bedeutung ist jedoch im 11./12. Jh. deutlich spürbar und dürfte zum Großteil in der damals erheblich aufstrebenden Bischofsstadt Würzburg begründet sein. Immer mehr zentralörtliche Funktionen wurden nun alleine von Würzburg erfüllt. Dennoch ragte Karlburg noch weit über die ländlichen Siedlungen der Umgebung empor, was etwa im Ausbau der linksmainischen Höhenburg (Abb. 2) sowie die Anlage der Ministerialen-Turmburg im Ortskern (Abb. 4) deutlich wird. Schließlich wurde aber durch die Gründung Karlstadts um 1200 das Schicksal des Ortes besiegelt. Die neue Stadt übernahm nicht nur den Namen, sondern auch rechtliche, politische, militärische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufgaben von der älteren Siedlung. Von den Verheerung im Zuge der "Rienecker Fehde" im Jahre 1243 erholte sich Karlburg kaum mehr, und der Ort wurde nur in wesentlich verkleinertem Umfang wieder aufgebaut (Abb. 4). Was damals bitter für Karlburg war, ist heute ein seltener Glücksfall für die Archäologie. Etwa die Hälfte der einstigen Großsiedlung von mindestens 20 Hektar Fläche wurde nicht überbaut und daher sind die im Boden verbliebenen Überreste noch erhalten. Es können somit Erkenntnisse gewonnen werden, für die es in anderen Zentralorten keine Basis mehr gibt. Archäologisch zugängliche Siedlungsplätze dieser Bedeutung und diesen Ausmaßes sucht man in ganz Süddeutschland vergebens. Wenige binnenländische Niederlassungen ähnlicher Größenordnung sind im Vorfeld westfränkischer Klosteranlagen der Karolingerzeit und im Bereich einiger ottonisch-salischer Königshöfe bzw. Pfalzen bekannt. Seit der im Juni 1989 in der „Au“ gelungenen Entdeckung der aufgelassenen Siedlungsteile wurde knapp 1 Hektar ausgegraben (Abb. 3). Andererseits wurde aber auch beim Neubau der Karolingerbrücke im Jahre 2003 aus Zeit- und Geldmangel fast ¼ Hektar undokumentiert abgeschoben. Für die Zukunft zu wünschen bleibt, dass solche unverständlichen und nicht wieder rückgängig zu machenden Tiefschläge ausbleiben und statt dessen weitere Forschungen in und um Karlburg in Angriff genommen werden können. Zahlreiche spannende Fragen sind offen. Beispielsweise ist das Gräberfeld der Merowingerzeit mit schätzungsweise 1500 beigabenführenden Bestattungen des 6./7. Jh. noch unentdeckt. Karlburg hat in der interdisziplinären Erforschung des Mittelalters einen zentralen Platz eingenommen und die bisherigen Ergebnisse werden weit über die Grenzen Bayerns hinaus gewürdigt (vgl. Forschungsgeschichte und Literatur).
|