3. 1930–1945 - Die Konsolidierung unter G. Neumann und das Institut im „Dritten Reich“
Nach dem Tode Gustav Eichhorns wurde das Museum zunächst vertretungsweise durch den Prof. der Geologie und Paläontologie Dr. Wilfried von Seidlitz (1880–1949) verwaltet, die Arbeit am Fundarchiv und die Führungen im Museum übernahm die Witwe Gertrud Eichhorn. Jedoch wurde bereits wenige Wochen später ein geeigneter Nachfolger für die Stelle gesucht. Versuche von Seiten des nationalsozialistischen Volksbildungsministers Wilhelm Frick, dem Rassekundler Hans F. K. Günther eine ordentliche Professur für Vorgeschichte an der Universität Jena zu verschaffen, scheiterten am Widerstand der angefragten Prähistoriker, des Rektors und des Senats.
Mit Wirkung vom 1. November 1930 wurde die Leitung des Germanischen Museums dem zuvor in Dresden tätigen Prähistoriker und ehemaligen Studenten Eichhorns Dr. phil. Gotthard Neumann (1902–1972) übertragen. Ab dem Wintersemester 1930/31 bot Neumann zunächst als Volontärassistent des Historischen Seminars Lehrveranstaltungen, d. h. Übungen und Exkursionen (sogenannte „Lehrwanderungen“), an. Auch in Jena profitierte die Ur- und Frühgeschichte von dem Bedeutungsaufschwung, den das Fach im „Dritten Reich“ erlebte.
Am 1. April 1934 wurde Neumann zum beamteten außerordentlichen Professor für Vorgeschichte ernannt. Gleichzeitig verbesserte sich die personelle und materielle Ausstattung des Museums. Zunächst konnte eine Zeichnerstelle eingerichtet und mit dem Aufbau einer Fundkartei begonnen werden. Nachdem Neumann 1935 ehrenamtlich die Kuratel des Städtischen Museums für Urgeschichte in Weimar übernommen hatte, wurde wegen der damit erneut angewachsenen Aufgaben die Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten genehmigt. Diese wurde 1936 mit Erwin Schirmer (1908–1967) besetzt, der allerdings wenig später zum Direktor des Weimarer Museums ernannt wurde. Ebenfalls 1936 bezog das Germanische Museum das Haus der aufgelösten studentischen Verbindung „Sängerschaft St. Pauli“ in der Langemarckstraße 24 (heute Forstweg).
Die Schausammlung konnte nun in zehn Räumen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hinzu kamen Räume für Lehre, Verwaltung und Werkstätten einschließlich eines Vorlesungssaales für 150 Personen, Magazine für die Studiensammlung, ein Doktorandenzimmer, „eine kleine Europaschausammlung“ und „ein bescheidenes Gastzimmer für ‚museumsreisende’ Studenten“. Durch den Erwerb mehrerer Privatsammlungen war der Bestand schon zuvor schnell angewachsen.
Während der Zeit des „Dritten Reiches“ betreute Neumann sieben Dissertationen, eine davon als Zweitgutachter. Die Ergebnisse seiner eigenen Forschungen, die die gesamte Breite des Fachs umfaßten, und die seiner Schüler wurden hauptsächlich in zwei neugegründeten Publikationsreihen des Instituts, der Zeitschrift „Der Spatenforscher“ (1936–1943) und dem vorgeschichtlichen Jahrbuch „Irmin“ (1939–1942), veröffentlicht. Eine Analyse seines Schrifttums ergab, daß Neumann, bis auf wenige Ausnahmen, um Wissenschaftlichkeit in der Darstellung seiner Funde und Ergebnisse bemüht war, die Ideologisierung der Ur- und Frühgeschichte bei ihm somit in den Hintergrund trat.
Neumann hat eine große Bedeutung für die Ur- und Frühgeschichtsforschung und Bodendenkmalpflege in Thüringen, die er vielfach neu gestaltete. Als staatlicher Vertrauensmann für die vor- und frühgeschichtlichen Bodenaltertümer Thüringens war er maßgeblich an der Schaffung von neuen Ausgrabungsgesetzen 1932 und 1933 beteiligt, baute die landesweite staatliche Bodendenkmalpflege auf, veranlaßte in mehreren Museen die Neuaufstellung der vorgeschichtlichen Sammlungen und führte zahlreiche wichtige Forschungs- und Rettungsgrabungen im allerdings noch immer durch preußische Gebietsteile zerrissenen Thüringen durch. Er ist durch seine wegweisenden Ausgrabungen auf mittelalterlichen Burgen wie in der Wasserburg Kapellendorf, dem Kyffhäuser und dem Bühl bei Jenalöbnitz, in Wüstungen und der Stadt Jena sowie durch seine Forschungen zur "slawischen" und „deutschen“ Keramik einer der Väter der Archäologie des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Mitteldeutschland.
G. Neumann während der Ausgrabung in der Wüstung Niederleutra bei Jena im Juni 1937.
Unter Gotthard Neumann fand die Restaurierung auch Eingang in die theoretische und praktische Ausbildung der Studierenden. Mit dem Umzug in das ehemalige Paulinerheim 1937 konnte eine Restaurierungswerkstatt eingerichtet werden. Die von Neumann schon 1930 geforderte Stelle eines Präparators für „das Reinigen von Gefäßscherben, das Zusammensetzen von Gefäßen, das Leimen von Knochen, das Präparieren von Eisenteilen, das Gipsen [...] etc.“ wurde ein Jahr später bewilligt und zum 1.1.1939 mit dem Graveurgesellen Eugen Wankmüller besetzt.
Studierende um 1937 beim Zusammensetzen mittelalterlicher Keramikfunde vom Kyffhäuser.
Mit Beginn des zweiten Weltkriegs wurden bis Januar 1941 nacheinander alle männlichen Mitarbeiter und deren Vertreter zur Wehrmacht eingezogen, darunter der Präparator (seit 1939) Eugen Wankmüller, der wissenschaftliche Assistent (seit 1940) Martin Claus (1912–1996) und als einer der letzten Neumann selbst am 8. Januar 1941. Die Verwaltung des Museums übernahm der Jenaer Professor für Anthropologie und Völkerkunde Bernhard Struck (1888–1971) und den Außen- und Innendienst als Assistentin Gudrun Loewe (1914–1994). Die ur- und frühgeschichtlichen Vorlesungen und Übungen an der Universität vertrat vom 1. Trimester 1941 bis zum Sommersemester 1944 Leonhard Franz (Leipzig/Innsbruck, 1895–1974). Ab 1943 wurden Teile des Institutsgebäudes zur Unterbringung von 60 Fremdarbeiterinnen für die Firma Carl Zeiss Jena herangezogen, im Jahr darauf hier die Volksbüchereistelle für Thüringen untergebracht. Noch kurz vor Kriegsende wurde Neumann mit Wirkung vom 1. Februar 1945 zum ordentlichen Professor ernannt; jedoch konnte diese Position nicht mehr zum Tragen kommen.
Grabung "Auf dem Hügel" in Stobra mit Assistent E. Schirmer und Studentin G. Loewe im Juni/Juli 1936.