letzte Aktualisierung | 21.05.2008
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Knochen Salz und Müll – Experimentelle Archäologie an der Friedrich-Schiller Universität

 

Die Experimentelle Archäologie überprüft Hypothesen zu archäologischen Fragestellungen mit Hilfe von wissenschaftlichen Versuchsaufbauten. Im Mittelpunkt stehen dabei in erster Linie archäologische Funde und Befunde, deren funktionelle Interpretation aus dem Fundzusammenhang heraus in den meisten Fällen nicht eindeutig möglich ist. Mit Hilfe der Experimente werden verschiedene Interpretationsansätze überprüft, um sich den tatsächlichen prähistorischen Gegebenheiten anzunähern.

 

Im Sommersemester 2005 fand im Bereich für Ur- und Frühgeschichte erstmals eine Übung zur Einführung in die Methodik der Experimentellen Archäologie unter dem Titel „Knochen, Salz und Müll“ statt. Die Veranstaltung wurde von Diego Scholz und Christian Tannhäuser, beides Fachstudenten am Bereich und Mitglieder des „Milzener e.V.“(Link zu: milzener.de), einem gemeinnützigen Verein, der sich bereits seit mehreren Jahren mit archäologischen Experimenten und Museumspädagogik beschäftigt, geleitet.        

Zunächst wurden den Übungsteilnehmern in mehreren Sitzungen die theoretischen Hintergründe zur Forschungsgeschichte, Definition, Anliegen und Durchführung von Experimenten in der Ur- und Frühgeschichtsforschung näher gebracht. Roman Scholz, angehender Diplomingenieur für Grabungstechnik von der FHTW Berlin und ebenfalls Mitglied des „Milzener e.V.“ hielt einen Gastvortrag über die aktuellsten Methoden der Dokumentation in der Archäologie.

In einem zweiten Schritt erarbeiteten die Studenten eigenständig einen Experimentierplan zu vorgegebenen Problemstellungen. Anhand dieser Pläne wurden im Juni und Juli 2005 auf dem Grundstück des Vereins in Melaune (Niederschlesischer Oberlausitzkreis), die folgenden Experimente durchgeführt.

 

Experimente zu so genannten Knochenlanzenspitzen der vorrömischen Eisenzeit

Immer wieder fallen im Fundmaterial eisenzeitlicher Siedlungen vor allem im Jastorfgebiet aber auch in Mitteldeutschland spitze Objekte aus Schienbeinknochen von Schafen oder Ziegen auf, die als „Knochenpfrieme“, „knöcherne Lanzenspitzen“, „Knochenkanülen“  und ähnliches interpretiert werden.

Ziel des Experimentes war es zu testen, ob derartige Objekte als Geschossspitzen einsetzbar sind und in welcher Weise sie für einen solchen Gebrauch geschäftet werden müssen. Die durchgeführten Versuche dienten dabei in erster Linie dazu, den Umgang mit den Materialien wie Knochen, Holz und Birkenpech als Klebemittel zu erproben. Die technischen Anforderungen, die notwendig sind, um einen komplexen, fundstückbezogenes Experiment durchzuführen, wurden erfasst und ausgewertet.

Sie werden als Grundlage für weitere Versuche zu dieser Problematik dienen.


Experimente zur Prähistorischen Salzgewinnung

 

Die durchgeführten Experimente zur prähistorischen Salzgewinnung basierten auf dem Grabungsbefund von Löbnitz-Bennewitz (Lkr. Leipziger Land), der von Sebastian Pfeifer im Rahmen einer Jahresarbeit bearbeitet wurde.

Die Experimente dienten der Beantwortung von mehreren Fragestellungen:

 

1. Ist von einer offenen oder einer geschlossenen Ofenkonstruktion auszugehen?

2. Sind die verwendeten Aggregate aus Säulen und Tiegeln in einer offenen Ofengrube ausreichend standfest?

3. Wie veränderte sich der anstehende Boden unter der Temperatureinwirkung?

Versuch 1 – offener Ofen

Film 1

In einer einfachen Ofengrube, die den Ausmaßen des Grabungsbefundes von Löbnitz-Bennewitz entsprach, wurde mit drei verschiedenen Arten von Aggregaten experimentiert.  Verwendung fanden luftgetrocknete und bei 800 °C gebrannte Tiegel und frisch geformte Tonsäulen. Die angefertigten Repliken entsprachen bezüglich der Form weitestgehend den Originalen. Bezüglich des Materials bestanden dagegen Abweichungen vom Fundstoff.

Es wurde grundsätzlich mit einer homogenen Sole von 35 % Salzgehalt gearbeitet.



Dieser Ofentyp verbrauchte ca. das Vierfache der Holzmenge des später getesteten geschlossenen Ofens. Die einfach auf die Grubensohle gestellten Aggregate erwiesen sich als überraschend standfest.

Die Verfärbungen des Bodens durch die Hitzeeinwirkungen wurden dokumentiert. Analog zum Ausgangsbefund von Löbnitz-Bennewitz war auch hier die Grubensohle nicht verziegelt.

Experiment 2 – geschlossener Ofen

Film 2
Das Experiment im geschlossenen Ofen fand ausschließlich mit gebrannten Aggregaten statt. Bezüglich des Holzverbrauches zeigte sich eine höhere Effizienz. Der Zeitaufwand bis zur vollständigen Ausbildung der Salzkuchen in den Tiegeln war nur etwa halb so groß wie beim vorangegangenen Experiment.

Die Experimente zur Salzgewinnung haben eine Fülle von Informationen und Daten erbracht, die im Zuge einer  kommenden Veranstaltung  aufgearbeitet und zur Publikation vorbereitet werden. Der erste Schritt dazu ist die Zusammenstellung des Datenmaterials in einer Datenbank. Diese Aufgabe wird im ersten Halbjahr 2007 durch Studenten der FSU im Zuge eines Museumspraktikums beim „Milzener e.V.“ erfüllt.. Für das Sommersemester 2007 sind  auf der Basis der gesammelten Erfahrungen weitere Experimente zum Salzsieden angedacht. Dabei werden neue Problemstellungen wie beispielsweise der Sättigungsgrad der Sole  oder Materialzusammensetzung und Gebrauchsspuren des Briquetage im Mittelpunkt stehen.

 

Experimentelle Archäologie als Teil moderner Ur- und Frühgeschichtsforschung im Lehrangebot der Universität zu etablieren, ist das Hauptanliegen des vorgestellten Projektes. Dabei soll die derzeitig durch die im Rahmen ehrenamtlicher Arbeit geleistete Lehrtätigkeit fester Bestandteil der modularisierten Studienordnung (Modul 6) werden. Die Kooperation zwischen dem Bereich Ur- und Frühgeschichte der FSU Jena und dem „Milzener e.V.“ wird hierbei auch zukünftig eine wichtige Rolle spielen.

Im Wintersemester 2006/2007 erfreute sich die Veranstaltung zur Einführung in die experimentelle Archäologie mit dem Titel „Lernen durch Erfolg und Misserfolg“ regem Interesse von Seiten der Kommilitonen.

Derzeit laufen die Planungen für das zukünftige Lehrprogramm zu diesem Themenschwerpunkt.

 

Diego Scholz

Christian Tannhäuser MA

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