letzte Aktualisierung | 21.05.2008
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Archäologisches Forschungsprojekt „Augustiner-Chorherrenstift zu Altenburg“

Die Stadt Altenburg liegt am Südrand der Leipziger Tieflandsbucht in der Nähe des Flusses Pleiße. Altenburg befindet sich damit nahezu in der Mitte des Städtedreiecks Leipzig-Chemnitz-Gera. Das Stadtbild von Altenburg wird dominiert durch einen sehr hügeligen Untergrund, hierbei können Höhenunterschiede von bis zu über 70 m beobachtet werden.


Altenburg wird vornehmlich mit der Erfindung des Skatspiels in Verbindung gebracht. Weniger bekannt sind dagegen eine Vielzahl von bedeutenden Bauwerken, die das Stadtbild prägen. Zu nennen sind insbesondere das auf einem Porphyrfelsen gelegene Schloss Altenburg, die Bartholomäikirche, das Rathaus im Renaissancestil, der Kunstturm und vor Allem das Wahrzeichen der Stadt, die „Roten Spitzen“. Bei den „Roten Spitzen“ handelt es sich um die Westtürme der ganz in Backstein errichteten, ehemaligen Kirche St. Marien. Die Türme sind der letzte sichtbare Rest des Augustiner-Chorherrrenstifts zu Altenburg (sogenanntes Bergerkloster). Die Stiftsanlage geht auf eine Stiftung Friedrich I. Barbarossa (1122-1190) zurück.

Die denkmalgerechte Instandsetzung des Kulturdenkmals „Rote Spitzen“ wird im Rahmen des Denkmalpflegeprogramms „National wertvolle Kulturdenkmäler“ durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Die Finanzierung setzt sich aus städtischen, Landes- und Bundesmitteln zusammen. Als Bestandteil der Maßnahme sind archäologische Untersuchungen mit eingebunden.

Die archäologischen Untersuchungen werden von der Stadt Altenburg – vertreten durch die Stadtarchäologie Altenburg – in Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena durchgeführt. Eine enge Zusammenarbeit mit der Bauforschung und die Einbeziehung der Nachbarwissenschaften wie der Anthropologie sind Bestandteil des Projekts.

Die Ausgrabungen finden seit dem 1. September 2006 statt. Insgesamt sechs Personen, darunter ein Archäologe, bilden den Stamm des Grabungsteams. Das Grabungsteam soll weiterhin durch Archäologiestudenten aus Jena unterstützt werden, die hier ihre Einführung in die Grundlagen der Ausgrabungstätigkeit bekommen sollen. Das Forschungsprojekt ist zunächst auf 3 ½ Jahre ausgelegt. Die Grabungsergebnisse sollen zeitnah in Form von Examensarbeiten der Universität Jena einer Bearbeitung zugeführt werden.


Im hohen Mittelalter wurde die Entwicklung Altenburgs durch seine Lage an einer der wichtigsten Reichsstraßen begünstigt: der von Nord nach Süd verlaufenden via imperii  (von Merseburg über Altenburg nach Zwickau). Als Mittelpunkt des Pleißenlandes erlebt Altenburg seine größte Bedeutung unter staufischer Herrschaft. In der Geschichte der Stadt nimmt hierbei der Augustiner-Chorherrenstift zu Altenburg eine besondere Stellung ein. Den Chorherren war vom Stifter eine kirchenpolitische Rolle zugedacht worden, sie spielten bei der Entwicklung der Städte eine entscheidende Rolle.
Die eigentliche historische und kunstgeschichtliche Bedeutung der Stiftsanlage ist infolge seiner bisher nur in Ansätzen erfolgten Erforschung nahezu unbekannt. Der ursprüngliche Baubestand und die Baugeschichte sind vor dem Hintergrund der spärlichen schriftlichen Quellen nicht zuletzt wegen der fehlenden archäologischen Untersuchungen weitgehend unklar. Klar ist, dass es sich um einen der wichtigsten, frühen Backsteinbauten der Romanik nördlich der Alpen handelt. An den „Roten Spitzen“ spiegeln sich offenbar die modernsten architektonischen Entwicklungen ihrer Zeit wider. Die staufischen, zentralmachtpolitischen Bestrebungen hatten nach Ende des Investiturstreites insbesondere Altenburg im Fokus. Altenburg bildete hierbei den Gegenpol zur benachbarten, wettinischen Markgrafschaft Meißen. Altenburg war Kaiserpfalz und Friederich I. Barbarossa besuchte Altenburg mehrfach. Die rote Farbe des Backsteins ist diesbezüglich durchaus im Kanon der Herrschaftsinsignien zu sehen. Die von der Bauforschung erkannten oberitalischen Einflüsse belegen die hohen Repräsentationsansprüche des Baus. 


Die schriftlichen Quellen legen einen Baubeginn um 1165 nahe, die Weihe der Stiftskirche wurde 1172 von Bischof Udo von Naumburg in der Anwesenheit von Kaiser Friederich I. Barbarossa vorgenommen. In die Zeit um 1300 fallen Erneuerungsarbeiten an der Kirche und die Erbauung des Kreuzganges. Seit 1529 wird auf dem Areal des Bergerklosters nicht mehr bestattet. Im Zuge der Reformation wird das Kloster um 1543 aufgelöst.
Um 1547 wird die Anlage durch Landsknechte verwüstet (Schmalkaldischer Krieg), die Meriandarstellung von 1650 zeigt bereits ein verfallenes Kirchenschiff. Um 1669 werden Teile des Langschiffes, das Querhaus und der Chor eingerissen und Baumaterialien für den Umbau zu einem Witwen- und Waisenhaus verwendet. Unter dem Eindruck der Romantik erfolgt 1872 durch den Architekten Friederich Sprenger ein Rückbau der nachträglich angefügten Bauelemente, die Türme erfahren eine Restaurierung.


Die Grabungstätigkeiten auf dem Stiftsgelände sollen helfen, einen Teil der ungeklärten Fragen zu beantworten. Die Lokalisierung und Identifizierung von Bauten sollen Aufschluss über die Binnengliederung der gesamten Anlage geben. Es wird die Frage nach der Datierung einzelner Bauteile und damit der Bauabfolge zu klären sein. Wie ist die Beschaffenheit der Gründung einzelner Bauteile (Pfeiler, Außenmauern etc.), wie ist das Verhältnis von Bauausführung und Geländetopographie? Gibt es Vorgängerbauten? Untersuchungsgegenstand ist auch die Dokumentation etwaiger Grablegen, insbesondere Grablegen hervorragender Personen (Pröbste, Adlige, vornehmlich anthropologische Fragestellungen bei den „Normalbestattungen“ des Friedhofes im Kreuzgangbereich). Die aktuell laufenden Grabungsarbeiten finden im Bereich des südwestlichen Vierungspfeilers der Kirche St. Marien statt. Zur Zeit werden die Erdmaterialien einer künstlichen Geländestufe abgetragen, die über dem mutmaßlichen Standort des Pfeilers angelegt wurde. Die bisher erschlossenen Befunde datieren in die späte Neuzeit und beschreiben den Baukörper des Witwen- und Waisenhauses. Ein in die Geländestufe eingebrachtes Kellergewölbe könnte bereits in das frühe 19. Jahrhundert zu stellen sein.

Projektleitung:  Prof. Dr. Peter Ettel, Michael Mattern M.A. 

MitarbeiterInnen:  Jens Brumme, Matthias Hein, Dr. Uwe Moos, Renate Trommer, Andreas Schwarz, Gustav Wolf.

Laufzeit: seit 2006

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