- Mitnahme einer Unterkieferhälfte bzw. beim Nichtvorhandensein ein Oberkieferfragment mit Zähnen.
Die exakte Altersbestimmung der dokumentierten Rentierindividuen ist ein zentrales Problem bei der beabsichtigten Untersuchung. Da die untersuchten Rentiere in Westgrönland natürlich verstorben sind, ist ihr genaues biologisches Alter nicht bekannt. Eine Altersbestimmung über die Zahnabkauung ist ungenau (Reitz/Wing 1999, 162) und erlaubt keine Aussagen für mehr als dreijährige Tiere (Hillson 1993, 227), da die Stärke der Abkauung von verschiedenen Faktoren abhängig zu sein scheint (z.B.Geiger 1996; Spiess 1979; Witter 1971). Unterschiede bei der Stärke des Zahnabriebs innerhalb der Population konnten auch an den westgrönländischen Rentieren festgestellt werden: Im Vergleich mit den Rentieren im Kangerlussuaq-Gebiet (Abbildung 3: Nr. 1-25) zeigten jene im Gebiet um Angujaartorfiup Nunaa (Abbildung 3: Nr. 26-37) eine wesentlich stärkere Abkauung im Verhältnis zum Epiphysenzustand. Eine exakte Altersbestimmung ausschließlich über den Epiphysenschluß ist nicht möglich, da der genaue Zeitpunkt nicht bekannt ist, an dem die einzelnen Epiphysen der westgrönländischen Rentierpopulation tatsächlich verschließen. Daneben ist der Epiphysenschluß auch abhängig von Geschlecht, Ernährungszustand, Umwelteinflüssen u.ä. (z.B. Watson 1978). Auch der Zustand des Epiphysenschlusses ist daher nicht immer genau definierbar (Bull/Payne 1982). Versuche, den Epiphysenschluß einer Skelettserie mit dem Zahnalter einer anderen Population zu kombinieren (Hufthammer 1995), sind deshalb problematisch. Die Altersangaben aus Kanada nach Miller (1976; s. Tabelle 3) sind daher nur ein Anhaltspunkt für die grobe Altersbestimmung der Sisimiut-Rentiere. Ein Vergleich des Zahndurchbruchs von verschiedenen Rentierpopulationen (z.B. Bergerud 1970; Bromée-Skuncke 1952; Miller 1976; Skoog 1968; Sokolov 1937) ergibt eine starke Variation, z.B. um fast ein Jahr beim Durchbruch des M2 oder um fast eineinhalb Jahre beim M3. Nur der M1 bricht bei allen Tieren innerhalb von drei Monaten durch. Im Vergleich mit Kaminuriak-Karibus ließ sich unter anderem ein etwas anderer Zahnwechsel feststellen: so wechselten z.B. die Prämolaren deutlich vor dem Durchbruch des M3. Auch war die Abkauung der Milchmolaren sehr viel stärker. Es gibt somit für die untersuchten Rentiere in Westgrönland keine genauere Altersangabe, da 1. der Zahnzustand anderer Rentierpopuationen nicht auf westgrönländische Rentiere übertragbar ist, 2. der Zahndurchbruch keine Aussage zu Tieren über drei Jahren zuläßt, 3. der Zeitraum des Epiphysenschlusses bisher nicht untersucht wurde sowie 4. bisher unbekannt ist, wie sich die Knochenmaße mit zunehmendem Alter verändern. Seit 2001 wurde je eine Unterkieferhälfte der untersuchten Rentiere mitgenommen, um nach Abschluß der Datenaufnahme Dünnschliffe an den Zähnen vorzunehmen. Für insgesamt 72 Individuen liegt nun jeweils ein Zahn für diese Untersuchung vor. Zahnzementuntersuchungen (auch Zahnzementzonenverfahren /Verfahren nach Inkrementzonen des Zahnzementes) sind ein fester Bestandteil von Alters- und Saisonalitätsbestimmungen für zahlreiche Tierarten und menschliche Zähne in archäologischen und wildbiologischen Untersuchungen (z.B. Cuyler 2001; Chaplin 1971, 84; Geiger 1996; Jensen/Nielsen 1968; Klevezal/Kleinenberg 1967; Klevezal/Shishlina 2001; Nishiwaki/Hibiya/Ohsumi 1958). Zähne bestehen hauptsächlich aus drei Komponenten: Enamel, Dentin und Cementum (Davis 1987, 58; Hillson 1993, 10, 152). Enamel bildet die äußere Zahnkrone, Dentin denn inneren Zahnkern. Dentin wird nach Beendigung der Zahnentwicklung kontinuierlich gebildet und lagert sich in Form von Sekundärdentin innerhalb des Wurzelkanals ab (Davis 1987, 58-59). Eine weitere Substanz, das Cementum, wird ebenfalls während des ganzen Lebens eines Organismus gebildet. Die Stärke der Ablagerung um die Zahnwurzel (bei einigen Tierarten auch um die Krone) variiert saisonal, so daß ein jährlicher Ring gebildet wird. Der jährliche Zuwachs besteht aus einer hellen, breiten Sommerzone und einer schmalen, dunklen Winterzone (Geiger 1996). Diese Bildungen sind von beträchtlicher Bedeutung für die Archäologie. Sie erlauben nicht nur, das biologische Alter eines Fossils zu bestimmen, sondern auch die Saison, in dem das Tier oder der Mensch verstarb. Die gute Verwendbarkeit von Zahndünnschliffen für die Altersbestimmung erbrachten z.B. Untersuchungen an Rentieren durch Reimers/Nordby (1968), in denen bekanntes Alter und Zahndünnschliffalter bei 37 Individuuen bis auf sechs Monate Genauigkeit übereinstimmten. Zahnzementuntersuchungen werden bereits seit Jahrzehnten sowohl an modernen kanadischen (Pike-Tay 1995; Pike-Tay et al. in prep.) und grönländischen Rentieren (Cuyler 2001) als auch an fossilen Rentierzähnen (Pike-Tay 1986, 1991a, 1991b) für Alters- und Saisonalitätsbestimmung vorgenommen. Das Erstellen der Zahndünnschliffe wird durch das Department of Arctic Evironment am National Environmental Research Institute in Roskilde (Dänemark) durchgeführt. Dieses Institut führt seit vielen Jahren wildbiologische Untersuchungen an Rentieren Grönlands, unter anderem an Rentieren des Sisimiut-Maniitsoq-Gebiets, durch (Cuyler et al. 2002; Fredskild/Holt 1993; Holt 1983; Lund et at. 2000; Meldgaard 1986, 21; Thing 1980a/b; 1984; Thing/Clausen 1980; Thing/Thing 1983). Neben der Altersbeurteilung durch Zahndünnschliffe, wird die Zahnentwicklung aufgrund von Röntgenbildern dokumentiert. Neben den 72 Zähnen für Zahndünnschliffe stehen insgesamt 2571 Skelettteile für die Auswertung zur Verfügung (Tabelle 5). Tabelle 5: Aufstellung der vermessenen Knochen (Datenbank der Aufnahme 1999-2003) davon geschlechtsbestimmt Skelettteil insg. weiblich männlich Oberkieferzahnreihen 205 52 40 Unterkiefer 206 47 75 Unterkieferzahnreihen 321 56 82 Atlas 59 24 33 Epistropheus 59 21 34 Scapula 144 60 56 Humerus 168 69 62 Ulna 127 53 49 Radius 158 59 53 Metacarpus 127 41 53 Phalanx 1 ant. 29 16 12 Phalanx 2 ant. 12 8 7 Phalanx 3 ant. 5 4 4 Pelvis 128 66 54 Femur 190 77 63 Tibia 181 72 64 Astragalus 83 27 33 Calcaneus 91 32 41 Metatarsus 170 65 58 Phalanx 1 post. 29 15 26 Phalanx 2 post. 26 10 16 Phalanx 3 post. 16 7 10 Osteometrische Auswertungen wurden für die meisten Skelettteile bereits vorgenommen. An einem aus den laufenden Auswertungen herausgegriffenen Beispiel soll das Potential der hier durchgeführten Untersuchungen erklärt werden. Das Beispiel (Abbildung 7, Tabelle 6 und 7) stellt das Längenwachstum des Humerus dar. Die Auswertung erfolgte mit Hilfe der oben dargelegten ohne Zahndünnschliffe noch recht groben und unsicheren Altersklassen (s.Tabelle 3).
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