Legende: Otto Schott tauscht Altertums-Schätze für Glas Schott-Villa zeigt Jugendstil-Glas, Werbung und Archäologisches
Jena (OTZ/Groß). Hochkarätiges ist 2004 in der Otto-Schott-Villa angekündigt: Drei Ausstellungen, die es in sich haben, wie Museumsleiterin Dr. Tilde Bayer und Kuratorin Dr. Angelika Steinmetz-Oppelland versprechen. Schließlich gelte es in diesem Jahr, auch den 120. Jahrestag der Gründung des Schott-Unternehmens zu würdigen. Den Auftakt gibt am 3. März die Schau „Zauber der Belle Epoque“. Dabei sollen gläserne Zeugen der Jugendstilzeit gezeigt werden, die aus einer Jenaer Privatsammlung stammen. Es handelt sich um Ziergläser aus Manufakturen Böhmens, Schlesiens, des Bayerischen Waldes und sogar aus den USA. Um in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts beschrittene neue Wege der Werbung für Schotts Glasprodukte soll es ab 25. Mai gehen. Aus dem Archiv des Betriebes werden dazu Straßenreklame, Werbefilme, Glasbeschriftungen, Fotos und manch anderes Erstaunliches aus der Arbeit des Bauhausmeisters Laszio Moholy-Nagy ausgestellt. Nagy arbeitete von 1933 bis 1937 für Schott, und zwar schon aus seinem Exil in Amsterdam und London. Er entwickelte für Schott mit seinem avantgardistischen Konzept eine völlig neue, moderne Warenkultur: Ein Buch mit Fotos der historischen Prospekte soll dazu auch erscheinen.
Krönung dieses Jahres dürfte aber die Ausstellung „Schätze aus dem Picenum“ werden, die am 1. September beginnen soll. Sie wird gleichzeitig in der Schott-Villa und im Keller des Stadtmuseums „Göhre“ zu sehen sein. Grabbeigaben von den vor gut 3000 Jahren in Mittel-Ost-Italien lebenden Picenern sollen gezeigt werden. Schmuck, Waffen, Helme und vieles mehr gehören zur Schau, für deren Zustandekommen vor über 100 Jahren Otto Schott selbst gesorgt hatte. Er kaufte damals die Funde für die Jenaer Universität. Die Stücke haben heute hohen Wert, weil die Ausgrabungsstätten in Italien, vor allem in Ancona, im 2. Weltkrieg zerstört wurden und nicht mehr viel von jener Kultur übrig geblieben ist. Leider gibt es kaum Schriftwechsel über Hintergründe, warum die Funde nach Jena kamen. Nur eine Legende über ein angebliches „Tauschgeschäft“ ist überliefert: Ein italienischer Kunde habe seine bei Schott erworbenen Produkte nicht bezahlen können...
Von Römern besiegt Die Picener, die vom 9. bis zum 3. vorchristlichen Jahrhundert in der oberitalienischen Adriaregion siedelten, sind bis heute weitgehend unerforscht. Ettel rechnet sie den zeitgenössischen Hochkulturen zu, vergleichbar den Griechen und Etruskern. Im 6./5. Jahrhundert, als die Handelswege zwischen Griechen und westlich des Appenin beheimateten Etruskern über die Adria und dann auf dem Landweg verliefen, erlebten die Picener eine Blütezeit, ihre Hafenstadt Numana wuchs zur Metropole.
Aus Fundvergleichen, etwa anhand der seltenen Tauschierungen, hofft Ettel, auch Handelsbeziehungen bis nach Süddeutschland rekonstruieren zu können: „Die eisenzeitlichen Kulturen nördlich der Alpen zehrten aus Mittel-Italien." Die Picener haben dabei nur wenige Forscher auf der Rechnung. Das liege nicht zuletzt daran, dass noch erheblicher Grabungsbedarf bestehe und dass ein Großteil alter Funde mit der Bombardierung des Museums Ancona im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden. Und schließlich absorbierte das Interesse an den Römern, die 295 v. Chr. in der Schlacht bei Sentinum die Picener besiegten, lange Zeit den internationalen Forschereifer.
Fast 3.000 Jahre alte Grabbeigaben aus Italien zu sehen
Ausstellung "Schätze aus dem Picenum" der Universität Jena startet am 1. September in der Schott-Villa
Jena (27.08.04) Die Sammlung des Bereichs Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena umfasst rund 45.000 Objekte. Die meisten von ihnen waren noch nie öffentlich zu sehen, da der Universität kaum Ausstellungsflächen zur Verfügung stehen. Etwa 150 eisenzeitliche Grabbeigaben des mittelitalienischen Volkes der Picener (9.-4. Jh. v. Chr.) finden nun dank der Schott AG erstmals seit 1903 wieder den Weg in die Öffentlichkeit. Am 1. September um 10 Uhr wird in der Jenaer Schott-Villa (Otto-Schott-Str. 13) die Ausstellung "Schätze aus dem Picenum" eröffnet. Die Exposition ist bis zum 28. Januar 2005, dienstags bis freitags von 13-18 Uhr zu besichtigen; der Eintritt ist frei.
Ergänzt wird die Picener-Schau durch eine zweite Ausstellung im Jenaer Stadtmuseum "Göhre" (Markt 7). Dort werden dienstags bis sonntags von 10-17 Uhr, donnerstags von 14-22 Uhr Einblicke in die oft mühselige Restaurierungsarbeit der Ausstellungsstücke und in die eisenzeitliche Kultur Thüringens gewährt und durch eine Auswahl von Funden veranschaulicht.
Zufällig ist der Ausstellungsort in der Schott-Villa nicht gewählt. Denn der Glastechnologe Otto Schott erwarb die Picener-Funde 1903 und vermachte sie der Jenaer Universität. Dort lagerte die Otto-Schott-Sammlung und wurde erst in der jüngsten Vergangenheit wissenschaftlich erschlossen und aufwändig restauriert. "Es ist ein sehr guter Bestand", bewertet Prof. Dr. Peter Ettel die Grabbeigaben, die von einer hohen Kultur zeugen. Der Lehrstuhlinhaber für Ur- und Frühgeschichte der Jenaer Universität erforscht gemeinsam mit Jenaer und italienischen Studenten und Wissenschaftlern die Sammlung. Zur Otto-Schott-Sammlung gehören etwa 50 Grabinventare aus Montegiorgio nahe Ascona. In den Männer- und Frauengräbern waren Helme, Waffen, Fibeln, Schmuck, Keramik und insbesondere Objekte aus Bernstein gefunden worden. Der Bernstein hatte einen weiten Weg hinter sich: Er war von der Ostseeküste bis nach Mittelitalien gelangt und wurde dort zu kunstvollen Schmuckstücken verarbeitet.
Rund 400-350 v. Chr. endete die picenische Kultur, da sich die Kelten von Norden ausbreiteten und die Picener nach der Niederlage bei Sentinum im Jahr 295 v. Chr. dem römischen Imperium eingegliedert wurden. Neben den in Jena lagernden Funden, zu denen auch eine zweite, bisher nicht restaurierte Sammlung der Jenaer Universität gehört, gibt es nur wenige andere Orte, wo Picener-Funde zu sehen sind. "Es lohnt sich daher", ist sich Prof. Ettel sicher, "den Weg in die Ausstellung in der Schott-Villa zu finden" - zumal der Wissenschaftler nicht weiß, wann die Sammlung danach wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird.
Zu den Jenaer Ausstellungen erscheint ein gemeinsamer Katalog in der Schriftenreihe des Stadtmuseums. Er enthält internationale Beiträge zur Geschichte der Sammlung in Jena, Aspekte der picenischen Kultur und Besprechungen der ausgestellten Funde.
Kontakt: Prof. Dr. Peter Ettel Bereich Ur- und Frühgeschichte der Universität Jena Löbdergraben 24a, 07743 Jena Tel.: 03641 / 944890 Fax: 03641 / 944892 E-Mail: P.Ettel@rz.uni-jena.de
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Teil der Jenaer Picener-Ausstellung: Anhänger in Form eines Doppelstieres und Doppelwidders, 6. Jh. v. Chr.. (Foto: FSU)
Diese Navicella-Fibel mit Schmuckgehänge aus dem 7. Jh. v. Chr. ist in der Picener-Ausstellung in Jena zu sehen. (Foto: FSU)