letzte Aktualisierung | 19.08.2008
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Das Brandgräberfeld der Vorrömischen Eisenzeit von Mühlen Eichsen (Mecklenburg)

Allgemeines und Forschungsgeschichte

Das Gräberfeld liegt etwa einen Kilometer südlich des Ortes Mühlen Eichsen zwischen der nach Schwerin führenden Bundesstraße und dem Fluß Stepenitz. Bei Straßenbauarbeiten zu Anfang des 20. Jahrhunderts stieß man auf Gräber. Sowohl die Gewinnung von Pflastersteinen aus den Steinsetzungen als auch die Suche nach wertvollen Gegenständen in den Gräbern wirkten sich verheerend auf das Gräberfeld aus. Man geht heute davon aus, daß damals etwa 200 Gräber zerstört worden sind. Im Jahre 1907 unternahm J.Beltz eine erste archäologische Ausgrabung auf dem Gräberfeldareal. Die Funde und die Dokumentation dieser Untersuchung sind jedoch verschollen. Lediglich ein Foto zeigt den damals noch sehr guten Erhaltungszustand der Urnen.


Photo der Grabung von J. Beltz aus dem Jahre 1907

Das Gräberfeld geriet in Vergessenheit und die landwirtschaftliche Nutzung des Geländes, insbesondere der Einsatz des Tiefpfluges, trugen weiterhin zur allmählichen Zerstörung des Gräberfeldes bei. Erst 1993 wurde das Gräberfeld beim Bau einer Gasleitung, dem 20 weitere Gräber zum Opfer fielen, wiederentdeckt. Eine anschließende Grabung im Jahre 1994 zeigte, daß der größte Teil des Gräberfelds noch unentdeckt war. Seither wird das Gräberfeld auf Grund der Bedrohung durch die agrarische Nutzung vom Landesamt für Bodendenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena in jährlichen Kampagnen systematisch ausgegraben. Durch Geländebegehungen und geophysikalische Untersuchungen konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit die Gesamtausdehnung des Gräberfelds erfaßt werden, wobei sich die Ergebnisse des Georadar als besonders effektiv erwiesen.


Beispiel für geomagnetische Untersungen auf dem Gräberfeld Mühlen Eichsen

Die so erfaßte Gesamtausdehnung des Gräberfelds von etwa 4 ha läßt eine Schätzung der Anzahl der Bestattungen von etwa 5000 Individuen zu. Zum derzeitigen Stand der archäologischen Untersuchungen sind etwa drei Viertel des Gräberfeldareals ergraben. Dabei wurden bisher auf einer Fläche von 3,24 ha etwa 4000 Gräber, unter Feststellung von insgesamt 5803 Befunden, dokumentiert und geborgen.


Landkartenausschnitt mit Kennzeichnung des Grabungsplatzes (Pfeil)


Gesamtübersichtsplan der Grabungen 1994 bis 2003

 

Archäologische Befunde und Funde

Auf dem Gräberfeld von Mühlen Eichsen kommen sowohl Urnengräber, teils freistehend, teils in Steinschutz, als auch Brandschüttungsgräber, wenn auch zahlenmäßig weniger vertreten, vor. Innerhalb dieser beiden Grabtypen liegen die Gräber bezüglich des Grabbaus in einer großen Variationsbreite vor.

Formen der Urnengräber

Urne ohne Steinschutz

Urne mit Standstein

Urnengrab in partieller Steinpackung

Urne in kompakter Steinpackung

 

Formen der Brandschüttungsgräber

Brandschüttung ohne Steinschutz

Brandschüttung unter kompakter Steinsetzung

Brandschüttung in Steinkiste

Brandschüttung in Steinkreislegung
Auch das Spektrum der Steinsetzungen ist überaus variabel. Es kommen sowohl runde als auch rechteckige Steinsetzungen vor. Sie können kompakt vorliegen oder als ein oder doppelter Steinkreis. In zahlreichen Fällen ließ sich beobachten, daß die Randsteine und Urnendecksteine der kompakten Steinlagen sich in ihrer Größe deutlich von der übrigen Pflasterung abheben. In einem Fall konnte eine mehrschichtige Steinsetzung ausgemacht werden. Die Durchmesser der Steinsetzungen können zwischen weniger als 0,5 m bis fast 5,0 m schwanken. in einigen gestörten Bereichen des Gräberfeldes ließen sich die Steinsetzungen nur noch durch Steinstandspuren erfassen bzw. ergänzen.
Formen der Steinsetzungen über den Gräbern

Runde, kompakte Steinsetzung

Rechteckige, kompakte Steinsetzung

Kleine, runde Steinsetzung

Runder, doppelter Steinkreis


Nachweise von Steinstandspuren ermöglichen darüber hinaus die Rekonstruktion der Ausmaße von Steinsetzungen


Geröllstein aus einem runden Steinpflaster der Kerben und Riefen aufwies, die auf die Verwendung als Schleifstein hindeuten

Auf dem gesamten Gräberfeldareal gibt es keine Überschneidung der Gräber. Dies legt nahe, daß die Gräber obertägig gekennzeichnet waren, was zu der Vermutung führt, daß die Gräber ursprünglich überhügelt gewesen sind. Leider ließ sich dies bisher archäologisch nicht belegen.Das Gräberfeld liegt auf einem flachwelligen, nach Westen leicht abfallenden Gelände (siehe Karte oben), Landschaftsgeschichtliche Veränderungen haben seit dem Neolithikum stattgefunden: auf den Kuppen erodiertes Material lagerte sich als Kolluvium in den Senken ab. Die so entstandenen Unterschiede in der Mächtigkeit der Deckschichten bedingten einen unterschiedlichen Erhaltungszustand der Gräber in den einzelnen Bereichen des Gräberfeldes. Allerdings ist durch die Kolluviumbildung der stratigraphische Nachweis einer vermuteten Überhügelung der Gräber nicht möglich.
Erhaltungsformen in verschiedenen Bereichen des Gräberfeldes

Beispiel für gute Erhaltung der Gräber in den Senken

Beispiel für schlechte Erhaltung für Gräber auf den Kuppen

Pflugspuren als Nachweis für die Zerstörung von Gräbern
Betrachtet man den Gesamtplan des Gräberfelds (siehe Karte oben), erkennt man, daß die Gräber sich nicht homogen auf dem Gräberfeld verteilen. Sie konzentrieren sich vielmehr in fünf bis sechs Gruppen, mit jeweils 500 bis 800 Bestattungen. Kern dieser Gruppen sind Gräber mit aufwendigen Steinsetzungen. Zwischen ihnen und um sie herum befinden sich einfacher gestaltete Urnen- und Brandschüttungsgräber. Zwischen den einzelnen Gruppen liegt jeweils ein Bereich, der weniger Gräber aufweist.Eine weitere Besonderheit in der Belegung des Gräberfeldes findet sich im nordöstlichen Bereich: eine annähernd kreisrunde Fläche mit einem Durchmesser von etwa 17 Metern tritt bildet sich hier um ein Zentralgrab (Steinkistengrab im Ausmaß von 1 m), das in den anstehenden Boden eingetieft, aus einer Bodenplatte und seitlich aufgestellten, zugearbeiteten Steinplatten besteht, . Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um einen älteren Grabhügel - wohl aus der jüngeren Bronze- oder beginnenden älteren Eisenzeit - handelt, an dessen Hügelfuß sich 160 jüngere Bestattungen, teils Urnen oder auch Knochenlager mit und ohne geringfügigen Steinschutz gruppieren (siehe Abb.).


Zentralgrab, Befund 5535 aus dem großen Grabhügel


Hügelgrab (im Grundriß) mit Zentarlgrab (Bfd. 5535)

Wendet man sich den Funden vom Gräberfeld zu, so liegen neben den Urnen nur Schmuck und Trachtbestandteile vor. Auffallend ist dabei die große Vielfalt verschiedener Formen. Die Mehrzahl der Metallfunde bestehen aus Eisen, aber auch Bronze wurde, insbesondere für Fibeln und Nadeln, verwendet.
Urnen vom Gräberfeld

3-gliedriges Gefäß (Totendorfer Typus) mit Henkel am Übergang von Gefäßschulter zum Gefäßhals

2-gliedriges Gefäß mit 2 gegenständig angebrachten Henkeln auf der Gefäßschulter

3-gliedriges Gefäß mit Trichterrandöffnung und 2 gegenständig angebrachten Henkeln auf der Gefäßschulter

2-gliedriges Gefäß mit Trichterrandöffnung und 4 gegenständig angebrachten Henkeln auf der Gefäßschulter

 

Metallfunde vom Gräberfeld
Eiserne Gürtelhaken

Langschmaler Haftarmgürtelhaken

Bandförmiger Haftarmgürtelhaken

Haftarmgürtelhaken mit gedrungenem Haftende

Haftarmgürtelhaken mit stielförmigem Haftende
Weitere Metallfunde

Bronzene Flügelnadel mit eiserner Nadel

Eiserner Gürtelring

Eiserner Gürtelring mit langschmaler Zwinge

Bronzener Gürtelbeschlag (breite Zwingen)

Fibelsortiment

Nadelsortiment
Metallfunde auf dem Gräberfeld (in Fundlage)

Eiserner Gürtelhaken mit Gürtelring und Holsteiner Nadel (Bronze)

Eiserner Gürtelring
Die häufigsten Metallbeigaben sind Gürtelbestandteile, insbesondere Gürtelhaken und Gürtelringe, die meist aus Eisen bestehen. Weniger zahlreich sind eiserne Zwingen und bronzene Gürtelbeschläge. Nadeln verschiedener Form sind mehrfach vertreten. Es handelt sich dabei in den meisten Fällen um gekröpfte Formen. Unter den Typen spielt die sog. Holsteiner Nadel die größte Rolle, demgegenüber sind Formen wie die abgebildete Flügelnadel eher selten vertreten. Neben den Fibeln (Kugelfibeln, Pommersche Fibeln und Fibeln vom La-Tène-Schema) kommen auch Arm- und Halsringe aus Bronze und Eisen vor. Als besondere Funde kamen ein vollständiger Holsteiner Gürtel und ein Kettengehänge zu Tage. Sie belegen kulturelle Kontakte nach Schleswig-Holstein und ins mittlere Elbegebiet.

Holsteiner Gürtel

Altmärkisches Kettengehänge

 

 

Zeitliche und kulturelle Einordnung

Die Funde lassen sich ausnahmslos der Jastorfkultur zuordnen, in deren Kerngebiet sich das Gräberfeld auch befindet. Entsprechend der Beigaben zeichnet sich eine Belegung von der Vorrömischen Eisenzeit bis in die ältere Römische Kaiserzeit ab. Mehrere Altfunde lassen sich in die ausgehende Bronzezeit datieren und weisen darauf hin, daß in dieser Zeit bereits Gräber angelegt wurden. Absolut chronologisch beginnt die Belegung im 6. vorchristlichen Jahrhundert und läuft bis in das 1. Jahrhundert nach Christus, mit Schwerpunkt in der mittleren vorrömischen Eisenzeit. An Hand der bisherigen Grabungsergebnisse läßt sich eine Kontinuität im Bestattungsbrauch und der Beigabensitte feststellen. Es zeigen sich somit keine archäologischen Belege für einen kulturellen Wandel oder die Einwanderung anderer Populationen. Die Größe des Gräberfelds läßt vermuten, daß es sich nicht um den Friedhof einer Siedlung handelte, sondern um einen zentralen Bestattungsplatz mehrerer Siedungsverbände. Möglicherweise stellt die Guppengliederung auf dem Gräberfeldareal eine Abgrenzung dieser Gruppen dar. Eine der zugehörigen Siedlungen konnte bereits 1994 in unmittelbarer Umgebung im Südwesten der Nekropole erfaßt werden (siehe Karte oben). In den Jahren 1999 und 2000 wurden Sondageschnitte angelegt um ihre Ausdehung und die Erhaltung der Befunde festzustellen. Dadurch konnte die Größe des Siedlungsareals auf etwa einen 1 ha geschätzt werden. An Befunden wurden Pfostengruben, Herdstellen und Siedlungsgruben festgestellt mit keramischen Funden der älteren Kaiserzeit. Als weiterer Siedlungsnachweis kann ein Brennofen nordwestlich des Gräberfelds angeführt werden. Zur Auffindung weiterer zugehörigen Siedlungen werden systematische Begehungen der umliegenden Regionen unternommen.Lehrgrabungen des Lehrstuhls für Ur- und FrühgeschichteAn den Grabungskampagnen der Jahre 2000, 2001, 2002 und 2003 nahmen jeweils Studenten des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena teil - im Jahre 2000 zudem eine Delegation von 10 chinesischen Archäologen bzw. Archäologiestudenten der Universität Peking unter Leitung von Prof. X. Wu im Rahmen eines Studienpraktikums des DAAD. Während der Lehrgrabungen wurden den Studenten der Friedrich-Schiller-Universität Jena die Vorgehensweisen auf einer archäologischen Ausgrabung nähergebracht. Die einzelnen Arbeitsschritte vom Freilegen der Befunde bis zur Bergung der Urnen sowie die notwendige Dokumentation wurden dabei von den Studenten selbst unter Anleitung durchgeführt.Neben den Arbeiten auf der Grabung selbst wurden jedes Jahr Exkursionen durchgeführt, die den Studierenden die methodischen Arbeitsweisen des Landesamtes für Bodendenkmalpflege und Kenntnisse über den Denkmälerbestand und das Typenspektrum der Funde vermitteln sollten. Im Wintersemester nach den Grabungskampagnen fanden jeweils Übungen statt, in denen ein Teil der geborgenen Gräber wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Die nach Jena überführten Urnen wurden von den Studenten entleert, danach der Urneninhalt geschlämmt, der Leichenbrand gewaschen und die Gefäße unter Anleitung rekonstruiert. Die Metallfunde wurden in der Werkstatt der Universität Jena restauriert und die Funde anschließend zeichnerisch dokumentiert. Von den Studenten wurde ein Katalog der Gräber erstellt und nach entsprechenden Vergleichsfunden für die zeitliche und kulturelle Einordnung über die zugrunde liegende Literatur gesucht. Die Voruntersuchung der Leichenbrände wurde ebenfalls von Studenten der Ur- und Frühgeschichte teils mit Nebenfach Biologische Anthropologie vorgenommen. Durch diese Vorgehensweise werden die Studenten mit den Arbeitsschritten von der Ausgrabung bis hin zur wissenschaftlichen Publikation vertraut gemacht. Die so entstandenen Kataloge wurden in den Archäologischen Berichten aus Mecklenburg-Vorpommern 2001, 2002 und 2003 publiziert. Weiterhin wurde von den Studenten eine kleine Ausstellung erarbeitet, die Juni-August 2001 im Universitäts-Hauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu besichtigen war. Vor einiger Zeit war eine Auswahl der Funde in der Ausstellung „Menschen - Zeiten - Räume“ in Berlin bzw. Bonn zu sehen.

 

Literatur

P. Ettel / V. Maier, Archäologische Rettungsgrabung des eisenzeitlichen Gräberfelds von Mühlen Eichsen, Lkr. Nordwestmecklenburg. Arch. Ber. aus Mecklenburg-Vorpommern 7, 2000, 72ff.
W. Hirsch, Rätselhaftem Totenkult aus der vorrömischen Eisenzeit auf der Spur. Uni-Journal Jena 02, 2001, 9.
P. Ettel / M. Häckel / Th. Schierl / V. Maier, Zur Weiterführung der Ausgrabungen auf dem eisenzeitlichen Gräberfeld von Mühlen Eichsen, Lkr. NW-Mecklenburg. Arch. Ber. aus Mecklenburg-Vorpommern 8, 2001, 53ff.
P. Ettel, Mühlen Eichsen. Reallex.Germ.Altertumskunde, Bd. 20, 2002, 296ff.
P. Ettel / H. Discher / S. Fröbe / K. Gesterding/ M. Häckel / C. Hoffmann / J. Huthmann / F. Matznohr / Th. Schierl / J. Schneevoigt / U. Trenkmann / C. Tschirschnitz/ M. Vollbeding/ M. Wehmer, Die Ausgrabungen im Jahr 2001 auf dem eisenzeitlichen Gräberfeld von Mühlen Eichsen. Arch. Ber. aus Mecklenburg-Vorpommern 9, 2002, 66ff.
P. Ettel / M. Häckel / V. Maier / H. Pabst / I. Przemuß / S. Tamás, Die Ausgrabungen im Jahr 2002 auf dem eisenzeitlichen Gräberfeld von Mühlen Eichsen. Arch. Ber. aus Mecklenburg-Vorpommern 10, 2003, 68ff.
P. Ettel / A. Dorl / V. Maier / N. Ludwig / H. Pabst / A. Schlote / N. Schumacher / S. Tamás, Die Ausgrabungen im Jahr 2003 auf dem eisenzeitlichen Gräberfeld von Mühlen Eichsen. Arch. Ber. aus Mecklenburg-Vorpommern 11, 2004, 15ff.

 

Erstellt durch Marco Häckel und Sylvester Tamás (zusätzlich verantwortlich für Layout und Aktualisierung); Studenten am Bereich für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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